Montag, 18. Mai 2015

«Choosing-wisely-Listen» sind keine Bedrohung, sondern eine Hilfe

(Kommentar von Hermann Amstad zum Artikel «Wenn Ärzte zu viel wollen» in der Süddeutschen Zeitung.)

Die Roadmap «Für ein nachhaltiges Gesundheitssystem in der Schweiz» sieht als eine der zentralen Aufgaben der Fachgesellschaften die Ausarbeitung  von «Choosing-wisely-Listen» vor, also die Bezeichnung jener medizinischen Interventionen, deren Nutzlosigkeit in einem bestimmten Kontext zwar erwiesen ist, die aber dennoch immer noch durchgeführt werden. Die Ärzteschaft tut sich allerdings noch schwer mit dieser Aufgabe, nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland (siehe Artikel in der Süddeutschen Zeitung). Man gewinnt den Eindruck, dass die Ärzte Choosing-wisely-Listen primär als Bedrohung und als Einschränkung ihrer Therapiefreiheit wahrnehmen.

Grundsätzlich hat fast jede medizinische Massnahme irgendwelche unerwünschten Nebenwirkungen. Diese sind gerechtfertigt bzw. können in Kauf genommen werden, wenn die vorgesehene Massnahme potentiell einen Nutzen bringt. Falls dem jedoch nicht so ist (z.B. bei der Antibiotikatherapie einer Erkältung oder der radiologischen Abklärung von erst seit kurzem bestehenden, unklaren Rückenbeschwerden), schadet die Intervention nur noch.

Die Botschaft an die Patientinnen und Patienten muss also lauten: Jede unnötige Behandlung kann Schaden anrichten. Bei der Vermittlung dieser Botschaft kann die Choosing-wisely-Kampagne eine wertvolle Unterstützung bieten. Dafür darf sie sich allerdings nicht nur an die Ärzteschaft richten, sondern muss – am besten in Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen – ihre Inhalte für ein Laienpublikum verständlich aufbereiten und zugänglich machen. So verstanden und eingesetzt, sind Choosing-wisely-Listen eine wertvolle Hilfe für eine evidenzbasierte, patientengerechte Medizin.

1 Kommentar:

  1. Siehe auch
    http://sakk.ch/fileadmin/customer/Open_section/About_SAKK/Publications/Newsletter/SAKK_newsletter_issue4-15.pdf
    Ab Seite 12

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